Radical Local: Learning from vernacular

Wie lokale Ressourcen, Klima und low-tech Strategien Raum und Konstruktion prägten – und was wir daraus für das heutige Bauen lernen können.

In diesem Semester beschäftigen wir uns mit Transformationen: von Räumen, Ideen und Bauweisen. Zum einen geht es um die Transformation von Räumen und Atmosphären, die durch neue Kontexte, Materialien und Wahrnehmungen verändert werden. Zum anderen untersuchen wir die Transformation des Klimas und fragen, wie wir in unterschiedlichen Klimazonen mit unseren Konstruktionen reagieren d.h. klimagerecht bauen können. Gleichzeitig beschäftigen wir uns mit der Transformation von technikreichen hin zu technikfreien Konstruktionen, die auf physikalische Prinzipien setzen.

Im Zentrum steht die vernakuläre Architektur: lokale Bauweisen, die über Jahrhunderte entstanden sind und mündlich sowie durch Praxis weitergegeben wurde. Dieses kollektive Gedächtnis zu Klima, Material und Technik verstehen wir als wertvolle Ressource. Ziel des Kurses ist es, diese traditionellen Bauformen als Inspirationsquelle zu nutzen, vergessenes Wissen wiederaufzugreifen und ressourcenschonende Strategien wie natürliches Heizen, Kühlen oder Lüften neu zu denken, in enger Wechselwirkung mit Raum, Konstruktion und Atmosphäre.

Mit der Industrialisierung und dem Aufstieg fossiler Energien veränderten sich Bauweisen grundlegend: Das Haus wurde zur Maschine, zum autonomen Objekt, entkoppelt von den direkten Einflüssen der Umwelt, losgelöst von Ort, Landschaft und lokaler Baukultur. Standardisierte Konstruktionen und industrielle Techniken verdrängten Erfahrungswissen. Stahl, Glas und Beton ermöglichten das Bauen unabhängig von lokalen Gegebenheiten, Ressourcen und Klima. Man suchte nach universellen Prinzipien, einem «International Style» (Johnson/Hitchcock, 1932), der überall anwendbar sein sollte.

Heute verlassen wir uns oft auf Technik, statt Häuser bewusst im Dialog mit Ort und Klima zu entwerfen. Mechanische Lüftungen, Klimaanlagen oder Heizsysteme übernehmen Aufgaben, die früher Architektur selbst leistete. Seit der Ölkrise in den 1970er-Jahren wächst das Bewusstsein, dass ortsunabhängige Architektur ökologisch wie kulturell problematisch ist. Angesichts globaler Herausforderungen gewinnt Architektur an Qualität, wenn sie kontextbezogen arbeitet – nicht gegen, sondern mit den Kräften der Umgebung. Somit suchen wir nach Wegen, vernakulären Prinzipien in zeitgemässe, zukunftsfähige Architektur zu transformieren.

Block 1: Raum – Material – Klima
Nach einer Einstiegsübung mit Spontanskulpturen und Microarchitekturen auf dem Campus Muttenz befassen wir uns mit dem individuellen Blick auf Raum. Wir analysieren unsere Lieblingsorte, was ihre Qualität ausmacht und wie sich ihre spezielle Atmosphäre zusammensetzt. Ausgehend von einem Bild erstellen wir eine «Dekomposition» d.h. wir zerlegen das Bild in unterschiedliche Aspekte wie Ort, Topografie, Ausrichtung, Licht, Material, Handwerk oder Nutzung.

Im zweiten Schritt erforschen wir Materialien: ihre Herkunft, Haptik, Bearbeitung und ihren Lebenszyklus – von der Rohstoffgewinnung über Verarbeitung und Nutzung bis zur Wiederverwendung. Wir betrachten ihre gestalterischen und konstruktiven Eigenschaften, vergleichen Materialien untereinander und nähern uns ihnen handwerklich, haptisch und künstlerisch. Ausgehend von Lieblingsort und Material entwerfen einen Einraum im Modell. Dieser Raum erhält anschliessend einen spezifischen klimatischen Kontext: Wir definieren, ob er Wärme speichern, Kälte abwehren oder Wasser aufnehmen soll. Die Klimakoordinaten bestimmen die Transformation der Konstruktion. Erste Handzeichnungen begleiten diesen Prozess und führen ein in die Darstellung von Grundriss, Schnitt und Ansicht.

Block 2: Konstruktionstransfer – Learning from Vernacular
Wir untersuchen lokale und globale Referenzen um von unterschiedlichen Klimazonen zu lernen. Lehmhütten, Holzbauten, Steinhäuser oder Bambuspavillons – überall haben sich Bauweisen entwickelt, die perfekt an den Ort angepasst sind. Um sie zu verstehen untersuchen wir ihren Kontext, d.h. Bautraditionen, Klimadaten, Ressourcenaufkommen und lokales Handwerk. Wir studieren die physikalischen Phänomene. Wir analysieren, wie Tragwerk und Aussteifungen die Kräfte ableiten. Wir untersuchen, wie Fassaden, Dachkonstruktionen und Öffnungen auf Wasser, Sonne, Wind und Topografie reagieren und welche konstruktiven Details das Haus vor Klimaeinflüssen wie Hitze, Regen, Sturm oder Kälte schützen. Wir testen, wie sich unsere Konstruktionen ändern, wenn sie auf neue Rahmenbedingungen stossen.

Darauf aufbauend lernen wir in drei Workshops die Grundlagen des Massiv- und Filigranbaus kennen. Wir untersuchen geschalte Massen, geschichtete Module sowie industrielle und biogene Stabwerke. Durch praktische Übungen zu Positiv- und Negativräumen, zu Mauerverbänden sowie zum Fügen stabförmiger Elemente entwickeln wir ein Verständnis für das Zusammenspiel von Material, Konstruktion und Raum und übertragen diese Prinzipien auf die eigenen Entwürfe. Flexibilität und Kreativität ist gefragt, um den Raum an neuen Gegebenheiten anzupassen.

Block 3: Eine Schutzhütte für Sommer und Winter
Im letzten Block entwerfen wir eine Schutzhütte, die für zwei Klimaszenarien funktioniert: Sommer und Winter. Ziel ist es, Lieblingsorte, Materialwissen und Konstruktionsprinzipien zu verbinden. Unterschiedliche Fügungstechniken werden getestet und kombiniert, Detailmodelle verdeutlichen die architektonische Idee und wie sie mit der Konstruktion zusammenhängt.

In zwölf abgestimmten Übungen erwerben wir so die Grundlagen des architektonischen Raumbildens und der Konstruktionsprinzipien und erwerben gleichzeitig ein breites Repertoire an Werkzeugen und Entwurfsmethoden. Wir verknüpfen Gestalt, Material, Funktion und Klima zu einem ganzheitlichen Entwurfsansatz. In einem kontinuierlichen Diskurs im Atelier mit Mitstudierenden, Lehrenden und Gäste, reflektieren wir Gelerntes und offene Fragen und versuchen gemeinsam zu beantworten, was Analysieren, Entwerfen und Konstruieren bedeutet und wie es gelingen kann.