Update Matthäus

Update Matthäus
Der städtische Strassenraum als ungeborgener Schatz

Die Geschichte der Strasse ist die Geschichte der Technik und des Zusammenlebens. Von frühen Wegen und Gassen über mittelalterliche Markt- und Wohnstrassen bis hin zu den befestigten Strassen des 19. Jahrhunderts spiegeln Strassen die verfügbaren technischen Mittel ebenso wie gesellschaftliche Praktiken und Bedürfnisse. Mit der Verbreitung des Automobils im 20. Jahrhundert wurden auch kleine Stadtstrassen zunehmend zu reinen Verkehrsflächen umfunktioniert. Nutzungen wie Spiel, Aufenthalt und Bewegung wurden auf der Strasse seltener, ein Prozess, der die neue Vorrangstellung des motorisierten Verkehrs verdeutlichte. Das Queren der Fahrbahn wurde bei grösseren Strassen reglementiert und auf bestimmte Übergänge beschränkt. In Basel wurden ab 1950 die ersten Ampeln eingesetzt. Parallel dazu entstand der Spielplatz als eigener, geschützter Raum für das kindliche Spiel.

Im Frühlingssemester widmen wir uns dem Matthäusquartier in Basel, dem Stadtteil mit der höchsten Einwohnerdichte. Entsprechend hoch ist der Druck auf die Aussenräume. So rückt die Strasse wieder als öffentlicher Raum und als Ort des Zusammenlebens in den Fokus. Das Gebiet um die Matthäuskirche wurde 2025 zum ‹Superblock› erklärt und der zuvor von Autos und Parkplätzen beanspruchte Raum einmal mehr neu verhandelt. Er ist ein Prototyp, der Ideen generiert und Denkanstösse gibt, wie Formen des zukünftigen Zusammenlebens aussehen könnten. Und er demonstriert, wie die gebaute Umwelt reagiert, die zum grössten Teil bereits existiert, aber dennoch vor tiefgreifenden Veränderungen steht. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, wie neue Stadt entsteht, sondern wie das Vorhandene transformiert, weiter entwickelt und trotz mangelnder Ressourcen an zukünftige Anforderungen und veränderte klimatische Bedingungen angepasst werden kann. Für den Semesterentwurf versetzen wir uns in das Jahr 2050. Dort sind in der Stadt zahlreiche Quartierstrassen vom motorisierten Individualverkehr befreit. Neue Mobilitätsformen, veränderte Lebensweisen und Logistiksysteme ermöglichen verkehrsberuhigte Strassenräume innerhalb bestehender Quartiere. Dadurch eröffnen sich neue räumliche Handlungsspielräume im dichten Stadtkörper. Der Strassenraum wird nicht länger primär als Transitraum verstanden, sondern als Teil eines fein­ maschigen, flexiblen Gefüges von Aufenthalts-, Nutzungs- und Verknüpfungsräumen.

Er verbindet bestehende Qualitäten, ermöglicht neue Beziehungen und bringt bislang getrennte Nutzungen in Austausch. Der Fokus verschiebt sich vom Durchqueren zum Nutzen, vom Verkehrsraum zum Möglichkeitsraum, vom Trennenden zum verbindenden Sozialraum. Als Hilfestellung tauschen wir uns mit Personen aus, die sich auf unterschiedliche Art mit dem Themenfeld der Zukunft beschäftigen und entwickeln sowohl Visionen als auch konkrete Pionierbauten für das Matthäusquartier.

Block 1: Der Bestand als Vision | Analyse und Konzept

Im ersten Block analysieren wir das Matthäusquartier und seinen gebauten Bestand sowie die Strassenzüge mit Blick auf ihre räumlichen, sozialen und funktionalen Eigenschaften. Wir untersuchen Wohnstrukturen und öffentliche Räume, alltägliche Nutzungen, Arbeitsplätze und Routinen, die das Quartier prägen. Welche Qualitäten zeichnen den Ort aus, wo zeigen sich Überlagerungen oder Konflikte? Wo liegen räumliche Nähe und funktionale Trennung eng beieinander, wo bleiben bestehende Möglichkeiten ungenutzt, wo könnten neue Synergien entstehen? Ziel der Analyse ist es, ein vertieftes Verständnis für die Vielschichtigkeit des Quartiers zu entwickeln und daraus abzuleiten, wie das Quartier im Jahr 2050 aussehen und funktionieren könnte. In Gruppen werden Visionen entwickelt, wie verkehrsberuhigte Quartierstrassen künftig genutzt werden und welche räumlichen, sozialen und funktionalen Potenziale im bestehenden Gefüge aktiviert werden können. Dabei wird der Strassenraum als integraler Bestandteil des Quartiers verstanden, dessen Transformation weit über verkehrliche Fragestellungen hinausgeht.

Block 2: Raumprogramm und Intervention | Das Projekt

In diesem Block werden auf Basis der Quartiersanalyse und der Vision mögliche Interventionen sowie ein architektonisches Konzept für ausgewählte Orte entwickelt. Entworfen werden spekulative und dennoch konkrete Prototypen, Gebäude, die vom Bestand ausgehen, mit ihm interagieren oder ihn weiterdenken. Die Projekte werden nicht als isolierte Objekte verstanden, sondern als Teil eines räumlichen Netzwerks innerhalb des Quartiers. Sie ergänzen bestehende Strukturen, unterstützen neue Nutzungen oder trans­ formieren vorhandene Räume und zeigen so auf, welche Potenziale ein Strassenraum mit sich bringt, der die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Der Pionierbau reagiert auf die spezifischen Bedingungen des Quartiers, stärkt vorhandene Qualitäten und ergänzt fehlende Funktionen. Sein Raumprogramm ist vorab nicht festgelegt, sondern entwickelt sich aus den analysierten Bedürfnissen, Akteur:innen und Möglichkeiten vor Ort. Architektur wird dabei als vermittelndes Element verstanden, das neue Beziehungen schafft und den Strassenraum als gemeinschaftlich nutzbaren Ort aktiviert. Im Fokus stehen Strategien des Weiter- und Umbauens sowie zirkuläre Ansätze, die Transformation als fortlaufenden Prozess begreifen.

Block 3: Konkreter Prototyp | Die Ausarbeitung

Im letzten Block werden die Projekte räumlich und konstruktiv ausgearbeitet. Raumfolgen, Übergänge, Schwellen und Hierarchien werden präzisiert. Im Zentrum stehen Themen wie Licht und Schatten, Öffnung und Rückzug, Wegeführung und Aneignung. Auch die Erkenntnisse aus dem letzten Semester über klimatische Einflüsse, die vom Grundriss aufgegriffen werden, spielen eine Rolle. Der Umgang mit dem Bestand, konstruktive Strategien des Weiterbauens sowie kreislauffähige Lösungen werden geübt und in die architektonische Ausarbeitung integriert. Die Projekte werden im Laufe des Semesters untereinander sowie mit unterschiedlichen Gästen aus Architektur, Stadtentwicklung, Soziologie, Ökologie und Ökonomie diskutiert. Auch dieses Semester geht es darum, möglichst ganzheitliche Projekte zu entwickeln und dabei den Umgang mit komplexen Fragestellungen zu erlernen.