Matthias Wehrle

Die bestehende Industriehalle wird als räumlicher und atmosphärischer Träger des Entwurfs weitergedacht. Die Stahlstruktur, die charakteristische Zweifarbigkeit der Scobalitfassade sowie deren Transparenz bleiben erhalten und bilden den Ausgangspunkt der Transformation. Der Bestand wird dabei nicht als reine Hülle verstanden, sondern als prägendes Gerüst, dessen industrielle Robustheit, Materialität und Lichtwirkung in eine neue Wohnnutzung überführt werden.

In das vorhandene Volumen wird ein neuer Holzbau eingestellt. Innerhalb der Halle entstehen zwei Wohnkörper, die durch eine begrünte Zwischenzone voneinander getrennt sind. Dieser innere Freiraum fungiert als gemeinschaftlicher Hof, als klimatischer Puffer und als räumliche Mitte des Projekts. Die Erschliessung erfolgt über Laubengänge, welche die Wohnungen mit dem Hof verbinden und dem Haus eine innere Adresse geben. Die drei Geschosse des Neubaus sind vollständig dem Wohnen gewidmet. Vorgesehen sind 1 bis 4-Zimmerwohnungen, die auf einem klaren und wiederholbaren Grundrisssystem beruhen. Die Struktur ist so angelegt, dass einzelne Zimmer mit geringem Eingriff einer benachbarten Wohnung zugeschaltet oder von ihr getrennt werden können. Dadurch entsteht ein anpassungsfähiges Wohnungsangebot, das auf unterschiedliche Lebensformen und veränderte Bedürfnisse reagieren kann.

Eine zentrale Rolle übernimmt die bestehende Fassadenhülle. Sie wird durch öffenbare Klappläden neu aktiviert und zu einer beweglichen Schicht zwischen Bestand und Neubau. Tagsüber fällt gefiltertes Licht durch die transluzenten Fassadenfelder in den Innenraum und erzeugt eine diffuse, hallenartige Atmosphäre. Am Abend kehrt sich diese Wirkung um: Dann zeichnet sich die Fensterstruktur des neuen Holzbaus hinter der bestehenden Fassade nach aussen ab. So entsteht ein Wechselspiel aus Tiefe, Licht und Überlagerung. Aus dieser doppelten Gebäudehülle entwickelt sich zugleich ein klimatisches Prinzip. Der Bestand wirkt als schützender Mantel für den eingestellten Wohnbau. Im Sommer können die Klappläden geschlossen werden, um die direkte Sonneneinstrahlung zu reduzieren und den Wärmeeintrag zu begrenzen. Gleichzeitig bleibt über den innenliegenden Hof eine natürliche Belüftung möglich. Die Halle übernimmt damit nicht nur eine räumliche, sondern auch eine klimaaktive Funktion.

Das Projekt transformiert einen ehemaligen Arbeits- und Lagerraum in einen neuen Wohnort, ohne dessen Herkunft zu verdrängen. Durch die Weiterverwendung der bestehenden Struktur, das Einfügen eines präzisen Holzneubaus und die Reaktivierung der Fassade entsteht ein Haus, das Alt und Neu nicht trennt, sondern miteinander verschränkt.