Maximus Stoffel

Le Nouvelliste:

Im Industriegebiet von Monthey könnte sich in den kommenden Jahren ein grundlegender Wandel vollziehen: Das traditionsreiche Giovanola-Areal steht vor einer möglichen Transformation zu einem neuen Stadtquartier. Unter dem Projektnamen „Siedlung Hallen“ wird derzeit ein Konzept diskutiert, das Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaft in einer ehemaligen Industrieanlage vereinen will. Doch neben den Chancen wirft das Vorhaben auch Fragen auf.

Das Areal blickt auf eine lange industrielle Geschichte zurück. Seit den 1930er-Jahren wurde hier Stahl verarbeitet, geformt und in alle Welt exportiert. Die Firma Giovanola machte sich insbesondere mit komplexen Stahlkonstruktionen einen Namen – darunter Achterbahnen, Brückenbauteile und Elemente für den Schiffbau. Über Jahrzehnte hinweg war das Werk ein bedeutender Arbeitgeber und prägte die wirtschaftliche Identität Montheys.

Mit dem Rückgang der industriellen Produktion verlor das Gelände jedoch zunehmend an Funktion. Heute stehen viele der großvolumigen Hallen leer oder werden nur noch punktuell genutzt. Gleichzeitig wächst der Druck, solche Flächen neu zu denken – nicht zuletzt aufgrund steigender Nachfrage nach Wohnraum und dem Wunsch nach einer nachhaltigeren Stadtentwicklung. Genau hier setzt das Projekt „Siedlung Hallen“ an. Im Zentrum steht die älteste Halle des Areals, die als identitätsstiftendes Element erhalten und umgenutzt werden soll. Anstatt eines vollständigen Rückbaus setzt das Konzept auf Weiterbauen im Bestand – ein Ansatz, der sowohl ökologisch als auch kulturell zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Städtebaulich ist eine klare Gliederung vorgesehen: Während sich in den äußeren Bereichen weiterhin gewerbliche, sportliche und kulturelle Nutzungen etablieren sollen, ist im Inneren ein neues Wohnquartier geplant. Dieses wird direkt in die bestehende Hallenstruktur integriert und entwickelt daraus eigenständige Wohnformen mit industriellem Charakter. Ein besonders eindrücklicher Aspekt des Projekts zeigt sich im Vergleich zur umliegenden Bebauung: Die Giovanola-Halle verfügt über eine Grundfläche von rund 11.000 Quadratmetern. Künftig sollen hier etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohner leben. Zum Vergleich: In der direkt angrenzenden Einfamilienhaussiedlung verteilen sich rund 415 Personen auf eine Fläche von etwa 120.000 Quadratmetern – also auf mehr als das Zehnfache der Fläche. Dieser Kontrast verdeutlicht die städtebauliche Dimension des Vorhabens. Während klassische Einfamilienhausstrukturen viel Fläche beanspruchen und vergleichsweise geringe Dichten aufweisen, setzt die „Siedlung Hallen“ auf eine kompakte, ressourcenschonende Nutzung des Bestands. Wohnen wird hier nicht in die Fläche ausgedehnt, sondern in die vorhandene Struktur integriert.Ziel ist es, durch diese Form der Verdichtung vergleichsweise günstigen Wohnraum zu schaffen. Angesprochen werden insbesondere sogenannte Pioniernutzerinnen und -nutzer – Menschen, die bereit sind, neue Wohnformen zu erproben und sich auf das Leben in einer ehemaligen Industriehalle einzulassen. Ob dieses Modell langfristig auch breitere Bevölkerungsschichten anspricht oder eher ein Nischenangebot bleibt, wird sich erst zeigen müssen.

Ein zentrales Element des Projekts ist das gemeinschaftliche Wohnen. Unter dem Leitgedanken eines „geteilten Luxus“ sollen kleinere private Einheiten durch großzügige Gemeinschaftsflächen ergänzt werden. Geplant sind unter anderem gemeinschaftliche Arbeitsräume, Waschküchen und Begegnungszonen. Kritisch wird jedoch auch gefragt, inwieweit solche Konzepte tatsächlich den Alltag vieler Menschen abbilden – oder eher auf ein spezifisches, urban geprägtes Milieu zugeschnitten sind. Auch ökologische Maßnahmen sind Teil des Konzepts. Regenwasser soll gesammelt, über offene Kanäle geführt und auf Grünflächen zur Versickerung gebracht werden. Dieses Prinzip der „Schwammstadt“ gilt als zukunftsweisend im Umgang mit zunehmenden Wetterextremen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie konsequent solche Ansätze umgesetzt werden und welchen tatsächlichen Beitrag sie im größeren Maßstab leisten können.

Architektonisch setzt das Projekt auf den bewussten Kontrast zwischen Alt und Neu. Die massive Stahlstruktur der bestehenden Halle bleibt sichtbar und wird durch neue Einbauten in Holz ergänzt. In den Wohnungen sollen Spuren der industriellen Vergangenheit erhalten bleiben – ein Ansatz, der Identität stiftet, aber nicht für alle Wohnbedürfnisse gleichermaßen geeignet sein dürfte. Noch befindet sich die „Siedlung Hallen“ in einer frühen Planungsphase. Klar ist jedoch bereits jetzt: Die Entwicklung des Giovanola-Areals wird nicht nur architektonische, sondern auch soziale und wirtschaftliche Fragen aufwerfen. Für Monthey bietet sich die Chance, ein Stück Industriegeschichte in die Zukunft zu überführen – gleichzeitig wird entscheidend sein, für wen dieses neue Quartier tatsächlich gebaut wird.