Ondina von Hartz

Mirea – Wohnen in Oftringen

Ein neues Stück Stadt: überlagert, nicht ersetzt

Das EO-Einkaufszentrum liegt in einer funktional geprägten, von Verkehr und Einzelhandel dominierten Umgebung – ein Ort des Konsums, der Infrastruktur, des Kommens und Gehens. Der Entwurf antwortet in diesem Kontext nicht mit Rückzug, sondern mit Aktivierung des Orts durch eine neue, alltägliche Präsenz: Wohnen dort, wo man bislang nur konsumierte und parkierte. Die Architektur setzt auf die bestehende und Struktur des EO-Centers auf: Anstatt den massiven Sockelbau zu verdrängen, baut das Projekt auf ihm auf – wortwörtlich. Er bleibt als urbane Basis erhalten, in funktionaler Überlagerung wird er nicht nur konstruktiv, sondern auch konzeptionell – als Podest für neue urbane Lebensformen genutzt. Eine neue urbane Topografie – vielschichtig, durchlässig, lebendig. Dieser erweiterte Sockel wird zur urbanen Maschine im Sinne von Cedric Price: eine funktionale Infrastruktur, die das urbane Leben ermöglicht, öffentlicher Raum, der arbeitet. Hier zirkulieren Menschen, Waren, Informationen. Das Grundrauschen der städtischen Struktur – das Summen der Lüftungen, das Klackern der Einkaufswägeli, das rhythmische Ankommen und Verschwinden, die Stadt funktioniert. Darüber entsteht eine zweite Stadtschicht: eine kleine Nachbarschaft, mit eigenem Rhythmus, eigenen Begegnungsräumen, eigener Atmosphäre.

 

Das Wohnen auf dem Sockel kann als Verdichtung durch Entkoppelung gelesen werden. Die präzisen Wohnkörper stehen nicht auf dem Boden, sondern auf einem geschaffenen Plateau – sie sind entrückt, aber dennoch tief verankert. Wie ein urbanes Pendant zum Rauschen des Meeres, wird das „Rauschen des Warenflusses“ zur konstanten, aber sanften Präsenz im Alltag der Bewohner. Die Architektur nutzt dieses Spannungsfeld: zwischen Nähe und Rückzug, zwischen Dichte und Offenheit. Ein landschaftlich gestalteter Zwischenraum, der als funktionale und räumliche Membrane wirkt, vermittelt zwischen der Stadtmaschine und den Wohninseln, welche sich darüber erhebt. Diese grüne Schwelle, wird zum sozialen Filter: Aufenthaltszonen, Wege und Plätze bilden eine durchlässige Durchdringung. Auf dieser mittleren Ebene ruhen die neuen Wohnvolumina – präzise, leicht versetzte Baukörper, modular gedacht, bewusst autonom formuliert. Sie wirken wie Inseln, verbunden auf einer gemeinsamen Fundation. In ihrer Leichtigkeit und Eigenständigkeit heben sie sich von der darunter liegenden Infrastruktur ab, ohne sich ihr zu entziehen. Das Bild des Meeresrauschens wird architektonisch spürbar: Unten das unaufhörliche Strömen der urbanen Prozesse, oben das ruhige Gleiten des Wohnens – ein schwebender Archipel über der Stadt – wie kleine Inseln auf dem Meeresspiegel. Philosophisch stellt das Projekt Fragen nach der Beziehung zwischen Mensch, Stadt und Grund. Was bedeutet es, den Boden zu verlassen – nicht aus Eskapismus, sondern aus dem weiterdenken des Bestehenden? Die vertikale Schichtung des Projekts erzeugt eine zweite Realität über dem Alltag: unten die Welt der Waren, des Verkehrs, der Stadt als Maschine – oben die Ruhe, das Licht, die Beziehung. Es ist ein räumliches Narrativ, das sich nicht in Fläche verliert, sondern in der Tiefe findet. In diesem Kontext wird Oftringen neu gelesen Die Umgebung des EO-Centers ist geprägt von Zersiedelung, Verkehr, Handel. Doch das Projekt formuliert diesen Ort um – vom Durchgangsraum zum Stadtbaustein. Es versteht sich nicht als Kontrast zur Stadt, sondern als vertikale Ergänzung. Das Alltägliche bleibt – Einkaufen, Ankommen, Konsumieren – erweitert durch das Persönliche, das Bleibende, das Private. Aus dem funktionalen Zentrum wird ein Ort mit Identität, ein kleines Stück Stadt.

Bild Aussenraum
Konstruktion
Axonometrie
Erdgeschoss
Bild Laubengang
1. Obergeschoss
Regelgeschoss
Längsschnitt