FS26 – Zeit und Ziegel // Scheibler & Villard

Wohnen, Arbeiten und Produzieren stehen heute erneut in einem Spannungsfeld, das durch Verdichtung, Flächenknappheit und ökologische Verantwortung geprägt ist. Mit der Transformation ehemaliger Industrie- und Gewerbeareale rücken Orte in den Fokus, die lange Zeit funktional gelesen wurden, nun aber als komplexe Schnittstellen zwischen Stadt, Landschaft und Geschichte verstanden werden müssen. Das Areal «Ziegelei Ost» in Allschwil ist ein solcher Ort: ein sensibler Übergangsraum, an dem städtischer Alltag, industrielle Relikte und die ehemalige Lehmgrubenlandschaft unmittelbar aufeinandertreffen.

Die Ziegelei Ost ist kein leeres Blatt. Ihre Topographie, die baulichen Strukturen der Industriegeschichte und die eingeschriebenen Arbeitsprozesse prägen den Ort bis heute. Gerade diese Schichten machen das Areal zu einem Schlüsselgebiet der städtebaulichen Entwicklung entlang der Binningerstrasse. Gleichzeitig stellt der Umgang mit dem Bestand, mit angrenzenden Grossprojekten und mit langfristigen Planungsinstrumenten hohe Anforderungen an Entwurf und Haltung. Zwischen Masterplan, Quartierplan und Regelwerk entsteht ein Feld, das nicht auf abschliessende Antworten, sondern auf prozesshafte Weiterentwicklung ausgelegt ist.
Wohnen und Arbeiten wurden im Zuge der funktionalen Stadt über Jahrzehnte getrennt. Die Ziegelei Ost erzählt jedoch eine andere Geschichte: Produktion, Gewerbe und Alltag existierten hier stets nebeneinander und formten eine eigenständige Identität. Diese Identität steht im Zentrum des Semesters. Nicht als nostalgisches Bild, sondern als Ressource für eine zeitgemässe Weiterentwicklung. Anstatt bestehende Strukturen zu überformen, suchen wir nach Wegen, wie sie sowohl städtebaulich als auch typologisch und konstruktiv weitergedacht, ergänzt und umgedeutet werden können. In diesem Sinne orientiert sich das Semester an den Thesen von Lucius Burckhardt und am Prinzip des «kleinstmöglichen Eingriffs»: Nicht alles soll mit einer universellen Lösung kuriert werden, vielmehr gilt es, mit den Alltagserfahrungen der Betroffenen sorgfältig umzugehen und sich vor einmaligen, scheinbar sauberen Lösungen zu hüten. Entwerfen bedeutet hier, aufmerksam zu lesen, präzise zu reagieren und bewusst auch Offenheiten und Unschärfen zuzulassen.