ENTWURF – FS26
VOM TÄTIGEN LEBEN
Anlass
Die Frage nach bezahlbarem Wohnraum ist neben der Klimakrise wohl eine der zentralen Herausforderungen des zeitgenössischen Bauens. Während der Boden, auf dem unsere Städte gründen, als endliche Ressource begrenzt ist, ziehen immer mehr Menschen in urbane Räume. Die Folge sind steigende Immobilienpreise und ein zunehmender Entwicklungsdruck auf verbleibende Flächen und Grünräume.
Diesem Trend steht die sinkende Nachfrage nach klassischen Büro- und Gewerbeflächen in gewisser Weise gegenüber. Der Leerstand solcher Immobilien nimmt Jahr für Jahr zu, und spätestens seit der Coronapandemie und der Etablierung des Homeoffice-Begriffs sind untergenutzte oder leerstehende Arbeitsräume verstärkt in den Fokus der Stadtentwicklung gerückt. Die Umnutzung solcher Bauten zu Wohnzwecken ist seither fester Bestandteil des architektonischen Diskurses und der gebauten Praxis.
Solche Transformationsansätze verbleiben jedoch meist innerhalb bestehender räumlicher Kategorien: Sie zielen auf die technische Anpassung ehemals produktiver Strukturen an eine konventionelle Wohnnutzung. Entsprechend stehen funktionale Fragen nach Belichtung, Erschliessung, Haustechnik oder Grundrissflexibilität im Vordergrund. Dabei wird jedoch eine grundlegendere Frage ausgeblendet: jene nach dem räumlichen Verhältnis von Wohnen und Arbeiten in unserer Gesellschaft.
Geschichte des Wohnens und Arbeitens
Wir sind es gewohnt, die Räume unseres täglichen Lebens in vermeintlichen Gegensätzen zu denken: Es gibt solche, in denen gewohnt wird, und solche, in denen gearbeitet wird. Diese beiden Raumkategorien werden wechselseitig im Rhythmus des (Arbeits-)Alltags zwischen Erwerbstätigkeit und Freizeit genutzt.
Diese räumliche Dialektik ist jedoch – wie ein Blick in die Geschichte zeigt – keine anthropologische Konstante, sondern ein relativ junges gesellschaftliches Konstrukt, das eng mit der Industrialisierung sowie der Organisation von Arbeit, Produktion und Effizienz verbunden ist. Erst mit dem Aufkommen und der Verbreitung der Fabrikarbeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor das Heim seine Funktion als Ort der Produktivität und wurde zum Gegenpol der Erwerbsarbeit: ein Raum der Erholung, der Reproduktion und des privaten Rückzugs.
Diese Trennung prägte nicht nur unseren Alltag, sondern auch die Struktur unserer Städte: Produktionsstätten und Wohnquartiere wurden funktional separiert, Boden entsprechend seiner ökonomischen Verwertbarkeit organisiert. In diesem Prozess formte sich ein Wohnbegriff, der sich wesentlich über die Abwesenheit von Arbeit definierte. Wohnen wurde dabei als passiver Zustand verstanden, nicht als tätige, gesellschaftlich wirksame Praxis.
Der Schriftsteller Georges Perec beschreibt diese Reduktion pointiert, wenn er feststellt, dass in der Arbeiterwohnung des 20. Jahrhunderts «(…) Schlafzimmer kaum eine größere Rolle spielen als der Besenschrank (in den Besenschrank kommt der Staubsauger; ins Schlafzimmer kommen die erschöpften Körper: beides verweist auf die gleichen Erholungs- und Pflegefunktionen).» Die funktionale Trennung von Arbeiten und Wohnen ist damit zugleich eine kulturelle wie räumliche Setzung, die bis heute in unseren Gebäuden und Städten fortwirkt.
Vom Arbeiten und Tätig sein
In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Praxis wird Arbeit meist stark verengt verstanden. Gemeint ist in der Regel produktive, wertschöpfende Arbeit – jene Form von Tätigkeit, die messbar ist, Einkommen generiert und sich in ökonomischen Kennzahlen abbilden lässt. Andere Formen des Tätigseins bleiben demgegenüber häufig unsichtbar oder werden nicht als Arbeit gelesen: Sorge- und Care-Arbeit, soziale und gemeinschaftliche Tätigkeiten, ehrenamtliches Engagement, informelle Netzwerke des Austauschs, der Bildung oder der gegenseitigen Unterstützung; So bezeichnen wir einen Menschen ohne Anstellung etwa als vermeintlich Arbeitslos.
Die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt hat diese Entwicklung in ihrem Werk Vita Activa oder Vom tätigen Leben grundlegend analysiert und kritisch hinterfragt. In diesem Buch analysiert sie die Bedingungen menschlichen Lebens aus einer gesellschaftlichen und politischen Perspektive und plädiert dafür, den engen Begriff der Arbeit zu überwinden und stattdessen ein umfassenderes Verständnis menschlicher Tätigkeit in den Blick zu nehmen. Sie unterscheidet zwischen drei grundlegenden Formen meschlicher Tätigkeit: Arbeiten als lebensnotwendiger, zyklischer Selbsterhalt (Kochen, Waschen, Putzen), Herstellen als Produktion dauerhafter Artefakte (Herstellen von Dingen, Maschinen, Möbeln…) und Handeln als soziales und politisches In-Beziehung-Treten zwischen Menschen. Dabei plädiert sie dafür das leben als ein Tätiges In-der-Welt-Sein zu begreifen und die scheinbare Dichotomie von Arbeit und Freizeit zu überwinden. In ihrer Gesellschaftskritik warnt Sie mit Bezug auf den von ihr vorhergesehenen Aufstieg der Maschinen: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“
Angesichts aktueller Entwicklungen im Bereich von Automatisierung und künstlicher Intelligenz, aber auch gesellschaftlicher Debatten um Post-Work-Societies, Vier-Tage-Wochen oder Grundeinkommen wirkt diese Diagnose erstaunlich aktuell. Die neuen Zentren der Produktivität – automatisierte Labore, Logistiksysteme, Server- und Rechenzentren – kommen weitgehend ohne menschliche Präsenz aus.Arendts Konzept eines tätigen Lebens eröffnet damit nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine räumliche Fragestellung: Welche architektonischen und städtebaulichen Strukturen ermöglichen es, Wohnen, Produzieren und Handeln nicht als Gegensätze, sondern als Facetten ein und desselben tätigen Lebens zu verstehen? Wie lässt sich Care- oder Beziehungsarbeit räumlich fördern, und welchen Ausdruck nimmt derweil eine Form von Arbeit an, die zunehmend ohne unmittelbares menschliches Zutun stattfindet und zugleich räumlich, energetisch und infrastrukturell höchst anspruchsvoll ist?
Aufgabe
Im kommenden Frühlingssemester nehmen wir diese Fragen zum Anlass, um sowohl über die Transformation bestehender baulicher Strukturen als auch über gesellschaftliche und räumliche Konventionen nachzudenken. Als Experimentierfeld für diese Überlegungen dient der Novartis Campus im Norden der Stadt Basel.
Das Areal entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts als industrieller Produktionsstandort der Firma Sandoz ausserhalb der damaligen Stadt. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich hier ein dicht bebautes Fabrik- und Forschungsareal, während die Stadt bis an die Tore des Firmengeländes wuchs. Nach der Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz zur Novartis im Jahr 1996 wurde das ehemalige Industriegebiet zum globalen Hauptsitz eines inzwischen international operierenden Unternehmens.
Ab den 2000er-Jahren erfolgte eine umfassende Verdichtung und bauliche Weiterentwicklung auf Grundlage eines Masterplans von Vittorio Magnano Lampugnani, ironischerweise nach dem Vorbild der europäischen Wohnstadt des 19. Jahrhunderts. Im Zuge dieser Entwicklung wurden Infrastrukturen erneuert, Produktionsbauten ersetzt und öffentliche Wege wie die Hüningerstrasse geschlossen und überbaut. Der Campus wurde damit zur räumlich abgeschlossenen Enklave der Privatwirtschaft. Lange Zeit war das Areal ausschliesslich für Mitarbeitende zugänglich. Erst seit 2022 erfolgt eine schrittweise Öffnung der Aussenräume und Erdgeschosszonen für die Öffentlichkeit.
Heute steht der Campus an einem Wendepunkt. Globale wirtschaftliche Verschiebungen, technologische Entwicklungen und veränderte Produktionsbedingungen stellen die langfristige Zukunft des Areals infrage. Die ursprünglich angenommene Mitarbeiterzahl von weit über 7’000 Arbeitsplätzen wurde nie erreicht, der Masterplan nie vollendet. Mehrere Gebäude sind unternutzt, stehen leer oder sind vom Abriss bedroht. Zugleich werden überschüssige Büroflächen an Drittnutzer vermietet.
Damit steht der Campus – zwischen industrieller Vergangenheit, globaler Wissensökonomie und partieller Öffnung – exemplarisch für die Frage, wie Orte der Produktivität künftig Teil des urbanen Lebens werden können.
Für das Semester gehen wir von einer fiktiven, aber plausiblen Annahme aus: Die bisher zaghafte Öffnung des Areals wird vollständig vollzogen, das Gelände wird Teil des öffentlichen Stadtraums, und der ehemalige Campus transformiert sich schrittweise zu einem neuen Stadtquartier in prominenter Lage zwischen Rhein, Landesgrenze und St. Johann. Unter dieser Prämisse wird aus dem ehemaligen Firmengelände ein Quartier des tätigen Lebens.
Arbeitsweise
In einem ersten Schritt analysieren die Studierenden in Kleingruppen das Areal unter unterschiedlichen Gesichtspunkten und halten ihre Erkenntnisse in Form von Karten fest. Parallel dazu nähern wir uns mit Texten und Übungen der Frage des tätigen Lebens sowie den räumlichen Dispositionen von Wohnen und Arbeiten.
Im zweiten Schritt entwickeln die Studierenden in Grossgruppen drei Visionen für die Transformation des Areals. Dabei wird jedem Szenario eine andere Ausgangslage zugrunde gelegt. Ziel ist es, in verschiedenen Szenarien Vorstellungen davon zu entwickeln, wie aus dem heutigen Firmengelände ein Quartier des tätigen Lebens entstehen kann.
Im dritten Schritt entwickelt jede:r Student:in einen konkreten Baustein innerhalb des grösseren Szenarios und erarbeitet ein spezifisches Transformationsprojekt. Der Fokus liegt hierbei auf dem Umbau des Bestands, Neubauten sind jedoch in Übereinstimmung mit dem übergeordneten Konzept ebenfalls möglich.
Die jeweiligen Gebäude sollen zum Lebensort für mindestens 100 Personen und zu einem beispielhaften Baustein für eine Stadt des tätigen Lebens werden. Art, Form und Bedingungen dieser Tätigkeit sind nicht vorgegeben, sondern von den Studierenden selbst zu definieren, räumlich zu entwickeln und kritisch zu hinterfragen. Auch eine räumliche Integration von Produktionsstätten ist denkbar, aber nicht zwingend.
Ziel ist es, das Areal – vom Massstab des Städtebaus bis zum Grundriss – im Sinne eines tätigen Lebens neu zu denken und die tradierten Kategorien von Wohnen und Arbeiten zugunsten eines umfassenderen Begriffs von Leben zu überwinden.