ENTWURF – HS26

COUNTERFACTUAL STRUCTURES 2

Ein Semester über alternative Konstruktionen, neue Materialien und die Frage, wie Struktur, Raum und Bedeutung zusammenhängen.

Der Architekturhistoriker Jean-Louis Cohen schreibt in der Einleitung zu The Future of Architecture since 1889: «Architektur befasst sich zwangsläufig mit der Zukunft. Gleichzeitig blicken Architekten ständig in die Vergangenheit, auf der Suche nach Gebäuden und Mustern, die mit ihren eigenen Projekten räsonieren.» Doch was, wenn wir Geschichte nicht nur als statische Referenz betrachten, sondern beginnen sie selbst zu transformieren? Ausgehend von diesem Gedanken verstehen wir Architekturgeschichte nicht als abgeschlossene Abfolge von Ereignissen, sondern als Reservoir möglicher Entwicklungen. Was wäre geschehen, wenn die Architekturgeschichte an einem bestimmten Ort oder zu einem bestimmten Zeitpunkt anders verlaufen wäre? Welche konstruktiven, räumlichen und materiellen Alternativen wären denkbar gewesen? Und was können wir aus diesen nicht realisierten Möglichkeiten für die Architektur der Gegenwart lernen?

Dieser Frage wollen wir uns im Rahmen unserer Reihe «Counterfactual Structures» nähern und versuchen aus dieser experimentellen Methode entwerferische Potentiale zu schöpfen. Im Studio entwickeln wir aus einer kontrafaktischen Relektüre von Gebäuden der 1970er- und 1980er-Jahre alternative strukturelle und konstruktive Ideen und übertragen diese anschliessend auf einen konkreten Entwurf im hier und jetzt, dabei suchen wir Konstruktionen für eine postfossile Architektur, deren Grundlagen sich nicht nur aus dem ergeben, was ist, sondern ebenso aus dem, was hätte sein können.

Was wäre, wenn?
Wir verstehen diesen Perspektivwechsel nicht als Science-Fiction oder reine Spekulation, sondern als methodisches Werkzeug der Kritik und des Erkenntnissgewinns. Kontrafaktische Szenarien verändern einzelne historische Voraussetzungen, um deren Bedeutung sichtbar zu machen.

Was wäre, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt andere Entscheidungen getroffen, ein Bericht veröffentlicht oder ein Gedanke nicht verdrängt worden wäre? Welche anderen Wege hätten eingeschlagen werden können. Welche alternativen Szenarien und Wirklichkeiten wären denkbar gewesen?

In Film und Literatur ist diese Methode längst etabliert. Werke wie Tom Tykwers Lola rennt (1998), Peter Howitts Sliding Doors (1998), Christian Krachts Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2009) oder Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009) zeigen, wie das Verschieben historischer Fakten kreative Freiräume eröffnet und zugleich unserer gelebten Gegenwart einen Spiegel vorhält. Und auch in der Wissenschaft, etwa im Bereich der Postcolonial Studies haben Werke wie Dipesh Chakrabarty’s Buch Provincializing Europe (2000), aufgezeigt, dass alternative Geschichtserzählungen helfen können, dominante Narrative zu hinterfragen und verdrängte Möglichkeiten sichtbar zu machen.

Alternative Architekturen

Übertragen auf die Architektur fordert uns diese Methode auf, die Beziehungen zwischen Gesellschaft, Konstruktion, Materialität und Raum neu zu denken. Architektur entsteht nie unabhängig von ihrem kulturellen, politischen oder wirtschaftlichen Kontext. Andere Werte führen zu anderen Materialien, andere Materialien zu anderen Konstruktionen – und diese wiederum zu anderen räumlichen Möglichkeiten. Der Entwurf kann sich deshalb nicht nur aus dem ergeben, was existiert, sondern ebenso aus dem, was nie verwirklicht wurde. James Auger fasst dieses Potenzial in seinem Essay Counterfactual and Alternative Histories as Design Practice so zusammen: «Der entscheidende Nutzen von kontrafaktischen Entwürfen besteht darin, andere Stimmen zum Vorschein kommen zu lassen, die durch die vorherrschende, hegemoniale oder „Standard“-Erzählung(en) zum Schweigen gebracht wurden»

Es geht also um imaginäre, aber plausible Alternativen unserer gebauten Realität. Ideen, Konstrutkionen oder Systeme, die nicht aus technischen Gründen, sondern aufgrund historischer, kultureller oder politischer Bedingungen nicht entstanden sind. Der kontrafaktische Ansatz ist daher keine freie Spekulation, sondern ein gezieltes Verschieben des Blickwinkels: Wie verändert sich ein Tragwerk, wenn Stahl durch Holz ersetzt wird? Ein großmaßstäbliches Raster durch eine dichte Tragliniatur? Ein industrielles System durch handwerkliche Bauweisen? Oder eine Hightech Lösung durch ein Lowtechsystem?

Transformation bedeutet in diesem Studio deshalb nicht, Geschichte zu rekonstruieren, sondern sie als Entwurfsmaterial zu nutzen. Durch die bewusste Verschiebung historischer Voraussetzungen wollen wir verborgene Potenziale freilegen und neue architektonische Möglichkeiten entwickeln.

Historischer Kontext: Die 1970er und ‘80er-Jahre in Zentraleuropa

Zeitlich befassen wir uns mit den 1970er und 1980er-Jahren in Europa, also einer Zeitspanne die von Mondlandung und Ölkrise einerseits und dem Fall der Berliner Mauer andererseits umfasst wird. Der Schweizer Kunsthistoriker Adolf Max Vogt, der 1967 das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der ETH Zürich gründete, bezeichnete die Jahre zwischen 1968 und 1973 rückblickend als eine «Kritische Schwelle», die die Zeitgeschichte, auch für die Architektur, in ein Davor und ein Danach einteile. Als Grund dafür nannte er drei einschneidende Ereignisse, ein politisches, ein technologisches und ein wirtschaftliches: Die von Paris ausgehenden Proteste der 1968er-Bewegung und deren Folgen prägten bis weit in die 1970er Jahre hinein die öffentlichen Debatten und stellten die Werteordnung der westlichen Gesellschaften auf die Probe. Die Mondlandung durch US-Amerikanische Astronauten 1969 sprengte die Grenzen der bisher bekannten Welt und öffnete ein Fenster in unbekannte Zukünfte und die Ölkrise von 1973 erschütterte die Weltmärkte und stellte den Fortschritts- und Wachstumsglauben der Nachkriegsgesellschaft in Frage.

Im architektonischen Diskurs geriet die Nachkriegsmoderne während jener Jahre zunehmend in die Kritik. An ihre Stelle trat eine vielzahl neuer Strömungen, die im Nachgang als Postmoderne, Regionalismus oder High-Tech-Architektur bezeichnet wurden. Zugleich gewann das junge Feld der Architekturtheorie an Bedeutung und Autoren wie Reyner Banham rückten mit Texten wie The Architecture of the Well-Tempered Environment die energetische Performance von Gebäuden in den Fokus. Im Rückblick scheint es, dass die Disruptionen jener Jahre in der Architektur eine Vielzahl von Lösungsansätzen, Experimenten und Strömungen hervorbrachte. Die jedoch mit dem aufkommen des Neoliberalismus und dem Fall der Berliner Mauer vorerst ein Ende fanden.

Eine Alternative Realität

Obwohl Studien schon in den frühen 1970er-Jahren den Zusammenhang von CO₂-Emissionen und steigenden Temperaturen belegten, blieb eine breite Debatte um den menschengemachten Klimawandel – und damit um die klimatische Dimension des Bauens – in jenen Jahrzehnten aus. Die Industrie hielt eigene Erkenntnisse zudem bis weit in die 1990er-Jahre zurück. Erst in den letzten Jahren hat sich die Frage nach grauer Energie und den ökologischen Folgen des Bauens zu einem zentralen Thema entwickelt.

Wie hätte sich die Architektur wohl verändert, wenn diese Diskussion bereits damals geführt worden wäre – zu einem Zeitpunkt, als der CO₂-Gehalt der Atmosphäre etwa halb so hoch war wie heute. Welche anderen Wege wären eingeschlagen worden und wo hätten sie uns – konstruktiv, gestalterisch, technologisch – hingeführt?
In Anlehnung an das Jahresthema Staying Cool, wollen wir zudem untersuchen, in wie weit eine spezifsiche Idee der Kühlung unser Gebäude bereits im Entwurf beeinflussen und prägen kann. Dabei suchen wir dezidiert auch nach technischen Ansätzen, die in der Vergangenheit verfolgt wurden aber durch fossile Energieträger verdrängt wurden. Diese Frage bildet den Ausgangspunkt unseres Studios.

Ort unserer Untersuchtung ist im kommenden Semester Mulhouse, die Französischen Nachbarstadt Basels. Zwischen ehemaliger Textilindustrie, Strukturwandel, Leerstand und Neubeginn bietet die zweigrösste Stadt im Elsass eine spannende Ausgangslage für das Enwickeln alternativer Realitäten. Mulhouse bietet damit nicht nur einen vielschichtigen städtebaulichen Kontext, sondern auch ein historisches Umfeld, in dem sich alternative konstruktive und räumliche Entwicklungen glaubwürdig verorten lassen.

Ablauf

Akt 1: Analyse
In einem ersten Schritt werden ausgewählte Bauwerke aus den 1970er- und 1980er-Jahren untersucht und analysiert. Im Zentrum steht das Verhältnis von Raum und Tragstruktur: Was ist die räumliche Idee des Beispiels, und wie wird sie durch die gewählte Struktur ermöglicht oder verstärkt?

Akt 2: Kontrafaktische Transformation
In einem zweiten Schritt wird das analysierte System problematisiert und kontrafaktisch erweitert: Welche Teile der Struktur und des Gebäudes sollten angesichts veränderter Rahmenbedingungen hinterfragt und angepasst werden? Welche Auswirkungen hätten diese Anpassungen wiederum auf Struktur und Raum? Ziel dieses Schritts ist die spekulative Entwicklung einer alternativen Raum- und Tragstruktur.

Akt 3: Entwurf
Im dritten Schritt befassen wir uns mit einer konkreten Bauaufgabe in Mulhouse. Die entwickelte strukturelle Idee bildet die Grundlage für einen konkreten architektonischen Entwurf. Ziel ist es nicht, das analysierte Gebäude zu kopieren, sondern dessen transformierte Logik in einen neuen räumlichen und programmatischen Zusammenhang zu überführen.

Remembering the Future
Durch die Re-Lektüre historischer Gebäude unter veränderten Vorzeichen erhoffen wir uns neue Ansätze für den Ausdruck und die Konstruktion postfossiler Architekturen. Das Studio wird dabei als Denkraum verstanden, in dem experimentiert, spekuliert und erprobt werden darf. Wie bei allen Experimenten ist der Ausgang offen – und Scheitern ausdrücklich erlaubt.

Belvedere in Hans-Walter Müllers pneumatischen Haus von 1975
7de Sol Solarmobile, Zürich, 19
Solsearch Architects vor ihrem Passivhaus "the Ark", 1976