Semesterprogramm
«Wer plant die Planung?»
Mit dieser Frage suchte der legendäre Basler Stadtsoziologe Lucius Burckhardt vor ein paar Jahrzehnten eine scheinbar banale, aber auf den zweiten Blick höchst komplexe Frage zu beantworten. Es geht um Macht- und Eigentumsverhältnisse, um Öffentlichkeit und Privatheit, um Einflusssphären, um Räume. Wahrscheinlich war diese Frage in Basel nie aktueller als heute. (Patrick Marcolli, BZ Juni 2019)
Wachstum gegen Innen
Das statistische Amt des Präsidialdepartements geht davon aus, dass sich die Bevölkerung von Basel in den nächsten 20 Jahren um bis zu 30’000 Einwohner vergrößern wird und so ein Bedarf von 10’000-20’000 neuen Wohnungen entsteht. Dieser Bedarf an Wohnraum und die gleichzeitige Notwendigkeit den bestehenden Landschaftsraum zu erhalten und nicht weiter zu zersiedeln führt zu einer Verdichtung nach Innen. Zur Zeit sind circa 10% der Stadtfläche von Basel Teil eines Bebauung- oder Quartierplanverfahren, so zum Beispiel das Lysbüchel, der Wolf oder das Klybeckareal. Alle Planungen haben im Grundsatz das Ziel mehr Wohn- und Arbeitsflächen auf bereits gut erschlossenem Stadtgebiet anzubieten. Gleichzeitig befinden sich auch Duzende von kleineren Arealen und Parzellen in einem Prozess der Umzonung. Mit diesem Mittel werden bereits bebaute Parzellen durch eine Erhöhung der Ausnutzung nachverdichtet.
Wohnen an der Grosspeterstrasse
Auch unsere Semesteraufgabe beschäftigt sich mit einem Gebiet in Umzonung. Die Wohnzeile Grosspeterstrasse 9-51 ist prädestiniert für solch eine Nachverdichtung; der breite Strassenraum und der grosse Hofraum ermöglichen eine Erhöhung der Bauten von heute vier Geschossen auf neu sechs Geschosse ohne dabei die Wohnqualität wesentlich zu beeinträchtigen. Ausreichend Licht und eine gute Besonnung sind weiterhin gegeben. Das Vis-à-vis der Häuserzeile besteht aus grossen Stadtbausteinen wie dem Grosspeterturm und dem Hotel Ibis, weitere Bauten – unter anderem von Diener & Diener Architekten – werden in den nächsten Jahren folgen. Bei der Durchfahrt der Grosspeterstrasse wähnt man sich aufgrund der Gebäudehöhen und Abmessungen bereits heute in einer Grossstadt, durch die Aufzonung wird sich der typische Strassenquerschnitt im Massstab Städten wie Paris oder Barcelona noch mehr annähern.
Zwischen Autobahn und Bahnhof
Die Grosspeterstrasse ist eine wichtige Verkehrsader für Basel; als Ausfallstrasse und Anschluss an die Autobahn verbindet sie die Altstadt und das Bahnhofsgebiet mit dem Umland. Diese stark befahrene Strasse bedeutet für das Wohnen einerseits eine gute Erschliessung und andererseits eine grosse Lärmbelastung. In Gruppen untersuchen wir verschieden Bebauungsszenarien für das Grundstück; welche Gebäudetiefen und Höhen verträgt der Ort? Wie können sich die Wohnungen mit der Strasse arrangieren und gleichzeitig vom parkähnlichen Hofraum profitieren? Welche Erdgeschossnutzungen können den Strassenraum widerbeleben und ihn für die Fussgänger aufwerten? In Gruppen wird ein städtebaulicher Ansatz entwickelt und gemeinsam Grundregeln für die neue Bebauung aufgestellt.
Wohnform und Raumqualität
Auch interessiert uns die Frage nach den Bewohnern; wer wohnt in Zukunft an der Grosspeterstrasse? Sind es Studenten, Einzelpersonen in Clusterwohnungen, Wohnateliers, Kleinstwohnungen für Wochenaufenthalter oder sind hier gar Familienwohnungen denkbar? In Einzelarbeit wird aus dem Gesamtkonzept ein eigenständiges Wohnhaus innerhalb der Blockrandbebauung entworfen: Wir beginnen mit der Wahl einer geeigneten Erschliessung, definieren Typologie und Wohnform, untersuchen das Verhältnis von individual- und Gemeinschaftsräumen und entwickeln eine Lärmstrategie. Eine Wohnung nach Wahl wird vertieft weiterentwickelt, dabei liegt der Schwerpunkt auf Themen wie der Raumabfolge, Qualität von Innen- und Aussenraum, Flexibilität vs. Spezifität, Materialisierung und Gestaltung. In einer individuellen Vertiefung werden mit Unterstützung der Begleitdozierenden drei Ansätze der Nachhaltigkeit verfolgt und ein besonderer Fokus auf die ökonomische, ökologische oder soziale Nachhaltigkeit gerichtet.